Julia W. stellt sich vor

Hallo Julia, du bist nun schon seit Anfang 2014 mit Martin bei Leikila. Euer Sohn Raphael ist nun schon 2,5 Jahre. Beschreibe doch mal deine Erfahrungen dieser Zeit im Verein.

Wir haben andere Eltern und Pädagogen gefunden, denen der Blick auf die Bedürfnisse des Kindes und der Wunsch, in der Kita eine Art Familienklima fortzusetzen, ebenso wichtig ist wie uns. In der gemeinsamen Auseinandersetzung der Mitglieder um die Kita, mit der Unterstützung durch die Freien Raben, insb. Jürgen Brehme, und durch den Eigentümer ist das Vertrauen gewachsen, dass wir eine gute gemeinsame Umsetzung in Teilzielen gefunden haben und noch mehr finden werden.  Nach einigen divergierenden Bewegungen und Arbeit von beiden Seiten zur Wiederannäherung und zum Möglichmachen unseres Projektes stimmt uns nun auch die Unterstützung durch verschiedene VertreterInnen des Jugendamtes zuversichtlich. So haben wir in den vergangenen Monaten erlebt, wie wichtig für die Arbeit, eine Kita zum Leben zu erwecken, eben auch eine gute Basis ist - wie für die menschliche Entwicklung.

Welche Hürden kamen denn so auf Leikila zu in den letzten Monaten?

Die Ausdenken eines Ideals ist das eine, Einarbeiten in bürokratische Vorschriften des Jugendamtes, in spezielle Bauvorschriften für Kindertageseinrichtungen von verschiedensten übergeordneten Institutionen, in Finanzpläne, in Kita-Verträge und Kita-Konzepte das andere. Und wir hätten nicht gedacht, wie schwer es werden würde, für die Idee des Vereins ein tatsächliches Zuhause zu finden. Es scheiterte an baulichen Bedingungen, die eine Umsetzung in eine Kita aus architektonischen oder wirtschaftlichen Gründen verunmöglichten, oder daran, dass für uns vorstellbare Orte für eine Kita keine vorstellbare Kita-Orte für die Vermieter waren.

Irgendwann schien immer jemand von uns erschöpft und verzagt, aber gleichzeitig gab es immer irgendeinen Enthusiasten, der wieder Energie in die Gruppe brachte. Kurz vor der gefühlten Aufgabe kam es schließlich zum Kontakt durch Jürgen Brehme, Vorstandsmitglied der Freien Raben, der zu unserem heutigen Objekt führte und vermutlich alle, aber auf jeden Fall uns sehr erleichterte und erfreute, dass der Objektinhaber gezielt von sich eine Kita in seine Räumlichkeiten phantasieren konnte und gleichzeitig heute zusammen mit seinem Partner Projektdurchführer sein wird.

Wie wichtig ist dir denn der Bindungsorientierte Ansatz den Leikila im pädagogischen Konzept verankert hat?

Als Psychologin und Psychotherapeutin bin ich fachlich sehr vertraut mit den Theorien der Bindungsforschung und erlebe gleichzeitig zudem täglich in meiner Praxis, wie nachhaltig die frühen Entwicklungsbedingungen in das weitere Leben des Menschen hineinwirken.

Finde ich sehr interessant. Sprich mal weiter aus deiner Praxiserfahrung?

Mangelndes Urvertrauen, unsichere Bindungserfahrungen, kindliche Bedürfnisse, die keine Antwort erfahren haben, können sich dann später z.B. dahin auswirken, sich nicht in Beziehungen emotional stabil einlassen zu können, von anderen nichts oder zuviel zu erwarten, sich selbst nicht oder die eigenen Fähigkeiten zu unter-/über- schätzen, keine Worte für die eigenen Gefühle oder Bedürfnisse zu haben oder nicht den Mut, diese auszudrücken. Natürlich ist uns bewusst, dass für die Entwicklung eines Kindes viele Einflussfaktoren wichtig sind, aber natürlich wirken die Faktoren besonders stark, mit denen das Kind zeitlich intensiv verbunden ist.
Und das ist neben den Eltern und ggf. weiterer Familie in den frühen Jahren nun einmal die außerfamiliäre Kinderbetreuung. Warum also nicht versuchen, dem Kind auch dort eine gute Basis anzubieten für die kognitive UND die emotionale Entwicklung?!

Also habt ihr euch von Anfang an gegen eine „normale“ Kita entschieden?

Ja genau, schon während der Schwangerschaft mit Raphael haben wir beschlossen, dass wir uns für unser Kind weder eine frühe Fremdbetreuung vorstellen können, noch eine Kita-Gruppe, in der die einzelnen Kinder wegen der Gruppengröße in ihren Bedürfnissen von der Bezugsperson gar nicht wahrgenommen werden können. Ich weiß, es gibt nicht die perfekte Kita, da für jedes Kind auch etwas anderes "perfekt" wäre, und es ist auch eine Entwicklungsaufgabe eines Menschen, mit der Imperfektion zurecht zu kommen. Dies wird unser Kind in "unserer" nicht perfekten Kita dann lernen können. Mein Mann und ich haben unsere Fähigkeit, mit Imperfektion umzugehen, genutzt, um Freiräume zu suchen, in denen wir das, was uns nicht gefallen hat, verändern können und in dem Verein Leikila e.V. gefunden.

Ist ja toll, dass ihr euch bei Leikila gefunden habt. Das freut mich sehr.

Ja, ich als Elternteil kann damit sagen, dass ich den Verein als Ort erlebe, an dem auch für mich das wächst, was ich meinem Kind in einer Kita wünsche: Ein Ort, an dem ich Zeit habe, mich einzufinden, ein Ort, der mich fordert, mir Rückzug lässt, an dem ich mal Unterstützung oder auch Nachsicht bekomme, um mich dann wieder wirksam einbringen zu können. Ich erlebe einen Ort, in dem die gemeinsamen Ansichten und das gemeinsame Arbeiten auf ein Ziel hin wohltut, und an dem es so spannend ist, wie wir trotzdem alle recht unterschiedlich sein dürfen und unsere private Lebensstile neben dem Verein sich sicher zu Teilen sehr unterscheiden.